Mehr Lebensqualität für Schlaganfallpatienten

08. Mai 2014

EU-Projekt möchte Lücke zwischen klinischer Rehabilitation und Alltagsleben überbrücken

Eine Viertelmillion Deutsche erleiden pro Jahr einen Schlaganfall, Tendenz steigend. Zu den körperlichen und geistigen Folgen kommen oft psychische Probleme. Psychologen aus Würzburg und Luxemburg sowie zahlreiche europäische Projektpartner wollen den Patienten jetzt mit einem neuen therapeutischen Ansatz helfen. „Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes werden ganz wesentlich dazu beitragen, die Lebensqualität von Schlaganfallpatienten erheblich zu verbessern, so Prof. Dr. Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie e.V. (DGPs).

Nach einem Schlaganfall ist alles anders. Wenn Teile des Gehirns durch verengte Blutgefäße zu wenig mit Blut versorgt werden, oder es durch zu hohen Blutdruck zu Hirnblutungen kommt, führt das Absterben der Nervenzellen in den betroffenen Bereichen zu zahlreichen Einschränkungen, vom Gedächtnis bis hin zur Bewegungsfähigkeit. Der Schlaganfall ist in Deutschland die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. Zu den geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen kommen oft psychische Erkrankungen, am häufigsten Depressionen. Diese sind oft eine direkte Folge der Durchblutungsstörungen im Gehirn, können sich aber auch als Konsequenz der Erfahrung des Verlusts der Unabhängigkeit und des Gefühls von Hilflosigkeit entwickeln. Im Rahmen des EU-Projektes CONTRAST wird jetzt ein Konzept und ein Gerät entwickelt, um die Auswirkungen eines Schlaganfalls so gering wie möglich zu halten: Der Patient kann die Aktivitäten von Hirn und Herz selbst messen und so feststellen, in welchem Maße die Trainingseinheiten das psychische Wohlbefinden verbessern und/oder die Gedächtnisleistung steigern sollen.
 
Demografische Entwicklung: starke Zunahme von Schlaganfallpatienten erwartet
Rund 70 Prozent der Schlaganfallpatienten sind über 64 Jahre alt. Diese Altersgruppe macht heute in Deutschland 26 Prozent an der Gesamtbevölkerung aus, aber schon 2020 werden es nach Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung 31 Prozent seit, 2040 sogar 43 Prozent. Die demografische Entwicklung lässt erwarten, dass die Anzahl von Schlaganfallpatienten künftig stark steigen wird; heute sind es schon mehr als 250.000 pro Jahr.
 
Optimale Versorgung und größere Unabhängigkeit nach Schlaganfall: EU-Projekt CONTRAST
Zwar erfährt ein Patient in Deutschland heute umfangreiche Reha-Maßnahmen, um seine geistigen und körperlichen Fähigkeiten wiederherzustellen. Dennoch gibt es Nachholbedarf, wenn es darum geht, dass Patienten auch zu Hause an der Verbesserung ihres Zustands arbeiten. Hier setzt das EU-Projekt CONTRAST an: Es entwickelt Trainingsmaßnahmen speziell für Schlaganfallpatienten. Je weniger sie bei der Bewältigung des Alltags auf Hilfe angewiesen sind, desto größer ist in der Regel auch ihr Wohlbefinden.
 
Der Psychologe Prof. Dr. Claus Vögele von der Universität Luxemburg ist Partner im Programm CONTRAST und Leiter der CONTRAST-Gruppe in Luxemburg. Er hat eine persönliche Motivation: Sein Bruder erlitt vor einigen Jahren einen Schlaganfall. „Ich habe viele verpasste Gelegenheiten während seiner Rehabilitation festgestellt“, berichtet Prof. Vögele. „Mit unseren CONTRAST-Partnern entwickeln wir derzeit neue Methoden, die helfen, die Lücke zwischen Akutversorgung, Rehabilitation und ambulanter Behandlung zu schließen.“
 
Schlaganfallpatienten sind auf mehrfache Weise beeinträchtigt: Zum einen haben sie meist schwere kognitive Probleme, also Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit, dem Gedächtnis, der Sprache, der Problemlösung oder der Entscheidungsfindung. Zum anderen ist oft die Bewegungsfähigkeit eingeschränkt. Dazu kommen fast immer schwere Beeinträchtigungen der Motivation. Alle diese Einschränkungen führen dazu, dass die Patienten auf andere Menschen angewiesen sind. Je früher Trainingsmaßnahmen ergriffen werden, desto schneller und umfangreicher können Schlaganfallpatienten ihre Unabhängigkeit wiedererlangen, erklärt Prof. Vögele.
 
Die wichtigste technische Komponente des CONTRAST-Projekts ist ein vom Patienten mit Unterstützung durch Familienangehörige oder Pfleger auch zuhause leicht zu bedienendes Gerät mit Headset und einigen wenigen Körpersensoren, das zwei Arten von Körpersignalen misst: die Hirnaktivitäten über das EEG (Elektroenzephalogramm) und die Herzaktivität über das EKG (Elektrokardiogramm), aus der die Variabilität der Herzfrequenz (Herzratenvariabilität) berechnet wird. Das Gerät (HCI – Human-Computer-Interface) wird mit einem Computer verbunden, sodass der Patient die Messergebnisse in Echtzeit grafisch angezeigt bekommt und auf diese Weise lernt, diese dem Bewusstsein normalerweise nicht zugänglichen körperlichen Prozesse zu trainieren (Neuro- bzw. Biofeedback).
 
Über das Internet kann  sich der Patient außerdem direkt mit seinem Therapeuten über die aktuellen Werte austauschen. Dann kann der Therapeut in Absprache mit dem Patienten über die individuelle Anwendung dieser Trainingsmodule entscheiden, d. h. ob es wichtiger ist, zuerst durch das Training der Herzratenvariabilität das psychische Wohlbefinden und die Selbstregulationsfähigkeit zu steigern oder ob durch das Neurofeedback des EEG bestimmte Gedächtnisfunktionen oder die Aufmerksamkeitsfokussierung trainiert werden sollen.
 
Am Ende des Projekts im Oktober 2014 soll ein vermarktungsfähiges Produkt zur Verfügung stehen, das zuerst in den an CONTRAST beteiligten Ländern (Deutschland, Luxemburg, Österreich, Italien, Spanien, Niederlande) angeboten wird und in derzeit geplanten Folgeprojekten weiterentwickelt und überprüft wird.
 
CONTRAST ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, in dem Klinische Psychologen, Neurologen, Neurowissenschaftler und Experten für Geräteentwicklung und Telemedizin zusammen arbeiten. Daran beteiligt sind Universitäten, Kliniken, Unternehmen, Rehabilitationszentren und Patientenorganisationen aus verschiedenen europäischen Ländern. Im Einzelnen sind dies die Universität Würzburg (Deutschland), die Universität Luxemburg und das Nationale Zentrum für Rehabilitation und Wiedereingliederung in Kirchberg (Luxemburg), die Fondazione Santa Lucia (Italien), die Universität Graz (Österreich), T-Systems ITC Iberia SA (Spanien), Hasomed Hard- und Software für Medizin GmbH (Deutschland) sowie MIND MEDIA BV (Niederlande).
 
Weitere Informationen über CONTRAST: www.contrast-project.eu.
 
Ansprechpartner:
Prof. Dr. Claus Vögele
Unité de recherche INSIDE
Université du Luxembourg
Email: Claus.Voegele(at)uni.lu
Tel.:     (+352) 46 66 44 - 9740 (direct)
            (+352) 46 66 44 - 9755 (Secretary)
 
Prof. Dr. Andrea Kübler
Julius-Maximilians Universität Würzburg
Email: andrea.kuebler(at)uni-wuerzburg.de
Tel.:     +49 931 31-80179