Angst vor Spinnen? Ein Nickerchen könnte helfen

25. Oktober 2013

Eine neue Studie belegt, dass Schlaf den Therapieerfolg bei Phobien fördert

Die berühmte Couch der Psychotherapeuten könnte ein unerwartetes Come-back erfahren: einfach, um nach einer Sitzung zur Behandlung von Phobien, Ängsten und Depressionen zu ruhen und ein kleines Nickerchen zu machen. Es ist bekannt, dass eine Mütze Schlaf nach dem Lernen hilft, das unmittelbar zuvor Gelernte besser zu behalten. Bislang wurde dieses Wissen jedoch noch nicht auf die Zusammenhänge des emotionalen Lernens in der Psychotherapie angewandt. Psychologen konnten jetzt in einer Studie zeigen, dass Schlaf unmittelbar nach therapeutischen Maßnahmen die Wirksamkeit der Behandlung verbessern kann. Prof. Dr. Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und Humboldt-Professor an der Ruhr-Universität Bochum, berichtet mit seinen Kollegen in der Zeitschrift „Psychological Medicine“.

Leiden Sie unter Phobien, haben sie Angst vor Höhe, vor Hunden oder können Sie kein Blut sehen? Verursacht der bloße Gedanke an Gewitter, kleine Räume oder Schlangen Panik bei Ihnen? Wenn ja, dann könnte ein kleines Nickerchen helfen, Ihre Angst zu überwinden.
Phobien sind eine der häufigsten Formen von psychologischen Störungen. Fast 10 % der Menschen litten allein im vergangenen Jahr unter Problemen mit diesen intensiven, oft irrationalen Ängsten. Und etwa ein Viertel von uns hat irgendwann im Leben Erfahrungen mit Phobien gesammelt.

Wirksamer Therapieansatz
Doch mit der Kognitiven Verhaltenstherapie gibt es einen wirksamen Therapieansatz. Unter der Anleitung eines Therapeuten werden die Patienten dabei schrittweise der Situation ausgesetzt, die sie so fürchten, oder sie begegnen in der Therapie dem Objekt, das sie panisch werden lässt. In der systematischen Annäherung in Begleitung des Therapeuten lernen die Betroffenen, dass von dem gefürchteten Objekt oder der ängstigenden Situation eigentlich gar keine Gefahr ausgeht. Im Ergebnis schwindet die Angst und löst sich schließlich auf. Diese Therapiemethode ist als solche sehr effektiv und schnell. Häufig reichen schon wenige kurze Behandlungstermine, um die Phobie zu heilen. Manchmal jedoch sprechen Patienten nicht ganz so gut auf die Therapie an. Für diese Minderheit der Betroffenen könnte es nun eine überraschend einfache Lösung geben: ein Nickerchen direkt nach der Therapiesitzung.

Schlaf unterstützt emotionales Lernen
„Es ist fast schon eine Volksweisheit“, sagt Prof. Jürgen Margraf, Präsident der DGPs und Initiator der neuen Studie, „dass Schlaf nach dem Lernen hilft, das Gelernte besser zu behalten, der Lernerfolg wird mit dem Schlaf einfach größer. Wir haben versucht, diese Idee einfach auf unsere Kognitive Verhaltenstherapie zu übertragen. Unseres Wissens ist dies auch die erste empirische Überprüfung, ob und wie Patienten in der Lage sind, sofort nach der Konfrontations-Therapie zu schlafen.“

Erste Studie ihrer Art
Zusammen mit Wissenschaftlern der Universitäten Zürich, Basel, Salzburg, San Diego und Brüssel haben die Bochumer Psychologen jetzt diesen Ansatz mit einer Gruppe von Spinnen-Phobikern, sogenannten Arachnophobikern getestet.
Die Teilnehmer der Studie durchliefen dabei zunächst eine Therapiesitzung der „Virtual reality exposure therapy“, bei der die Patienten Computer-Headsets mit kleinen Monitoren tragen, die Bilder von Spinnen zeigten und so die Nähe der Spinnen simulierten. Unmittelbar darauf sollte die Hälfte der Teilnehmer etwa 90 Minuten schlafen, während die andere Hälfte in dieser Zeit eine neutrale Naturdokumentation ansah. Interessanterweise konnten die Teilnehmer der Schlafgruppe tatsächlich auch schlafen, obwohl man meinen könnte, dass sie nach der Therapie zu aufgeregt sein würden. Die Wissenschaftler erklären dies mit dem anstrengenden und ermüdenden speziellen Format der spezifischen Form der Behandlung.

Schlaf sorgt für Stabilisierung
Eine Woche später kamen alle Teilnehmer zur Auswertung ins Labor zurück. Dort wurden sie einer lebenden Tarantel ausgesetzt. Es stellte sich heraus, dass diejenigen, die nach der Therapiesitzung schlafen konnten weniger Angst hatten als diejenigen, die wach blieben. 
 „Wir wissen noch nicht genau, warum das so ist“, sagt Jürgen Margraf. „Die Studie baut auf Erkenntnisse aus anderen Arbeiten auf, die darauf hindeuten, dass der Schlaf einen zweifachen Effekt auf die Erinnerung hat. Dahinter steht die Idee, dass Schlaf einerseits helfen kann, Emotionen abzuschwächen, die mit einer bestehenden Erinnerung verknüpft sind, z.B. die Angst früherer Begegnungen mit Spinnen. Anderseits hilft der Schlaf aber auch, neue Erinnerungen zu speichern, in diesem Fall, dass die Spinnen gar nicht so gefährlich waren. Dieser Prozess der Stabilisierung verläuft vermutlich jedoch über mehrere Nächte.“

Eine Alternative zu Medikamenten?
Die auf systematischer Konfrontation mit angstauslösenden Reizen basierende Therapie von Phobien baut auf die Löschung von Angstreflexen, einem natürlichen Lernmechanismus, der bei Phobien und anderen Angststörungen verzögert ist. „Bei Tieren ist die wichtige Rolle des löschenden Lernens etabliert“, ergänzt der Psychologe Margraf. „Bei Honigbienen z.B. konnte nachgewiesen werden, dass Schlaf nach dem auslöschenden Lernen anders als Schlafentzug eben tatsächlich auch die Löschung der Erinnerung verbessert. In unserer Studie konnten wir nachweisen, dass Patienten nach der Therapie einerseits schlafen können und dieser Schlaf außerdem die Therapieergebnisse verbessern kann“, sagt Prof. Margraf von der Ruhr-Universität Bochum. „Unser Ansatz bietet damit eine wichtige nicht-invasive Alternative zu den aktuellen Versuchen, die therapeutische Löschung und Verfestigung von Erinnerungen durch Medikamente zu unterstützen.“

Die Original-Studie finden Sie hier:
Psychological Medicine (Cambridge University Press 2013)
Sleep enhances exposure therapy
B. Kleim, F. H. Wilhelm, L. Temp, J. Margraf, B. K. Wiederhold and B. Rasch
http://dx.doi.org/10.1017/S0033291713001748

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Jürgen Margraf
Alexander von Humboldt - Professor für Klinische Psychologie & Psychotherapie
Fakultät für Psychologie
AE Klinische Psychologie & Psychotherapie
Universitätsstr. 150
44780 Bochum
Tel: +49 (0)234 32 - 23169
E-Mail: juergen.margraf@ruhr-uni-bochum.de