Das Sommermärchen 2006 im Rückblick

04. Juli 2014

Wie das Erinnern von gemeinsamen Erlebnissen unser Heimatgefühl beeinflusst

Wie haben Sie die WM 2006 in Deutschland verbracht? Allein vor dem Fernseher oder mit Freunden, Bekannten oder Wildfremden an einem der zahlreichen „Public Viewing“-Orte oder in der Kneipe um die Ecke? Wie Sie sich heute an das Sommermärchen 2006 erinnern, beeinflusst auch, wie stark Sie sich heute mit Deutschland identifizieren.
 
Das konnten die Psychologen René Kopietz und Gerald Echterhoff von der Universität Münster in einer gerade erschienenen Studie zeigen. In ihrer Untersuchung sind die Forscher der Frage nachgegangen welchen Einfluss es hat, wenn Menschen entweder an unpersönliche Fakten oder an ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse, die sie mit nahe stehenden Menschen teilen, zurückdenken. Dazu befragten sie im Jahr 2007, ein Jahr nach der WM in Deutschland, in zwei Studien insgesamt 217 Personen, nach ihren Erinnerungen an die WM 2006. In der ersten Studie sollten die Befragten entweder Fakten über die WM auflisten, oder ihre persönlichen Erlebnisse während der WM 2006 aufschreiben. Danach gaben beide Gruppen an, wie gut sie sich erinnern können, wie wichtig sie das Ereignis für Deutschland finden und wie sehr sie sich mit Deutschland identifizieren.
 
Es zeigte sich: Personen fühlen sich stärker mit Deutschland verbunden, wenn sie sich an persönliche Erlebnisse während der Fußball-WM erinnern als wenn sie nur Fakten über die WM erinnern. Sie haben das Gefühl, sich besser erinnern zu können und schätzen das Ereignis für die Deutschen insgesamt als wichtiger ein.
 
In der zweiten Studie konnten die beiden Münsteraner Sozialpsychologen zeigen, dass nicht die Erinnerung an sich für den Unterschied verantwortlich war. Vielmehr dachten die Befragten beim Erinnern unweigerlich auch an wichtige, ihnen nahe stehende Personen, wie z.B. ihre Freunde oder Familie, mit denen sie die WM gemeinsam erlebt hatten. Diesen Effekt bezeichnen Psychologen als „soziales Teilen“. Die Bedeutung des „sozialen Teilens“ zeigte sich in beiden Studien auch noch auf andere Weise: Je mehr Personen der Meinung waren, dass die WM für alle Deutschen ein wichtiges Ereignis darstellt, desto eher glaubten  sie, sich gut erinnern zu können und desto stärker identifizierten sie sich mit Deutschland.
 
„Unsere Studien zeigen, dass sowohl das gemeinsame Erleben von Ereignissen, als auch die Erinnerungen an Personen, mit denen wir diese Ereignisse erlebt haben, einen wichtigen Beitrag zu unserer sozialen Identität leisten können“ fasst René Kopietz die Ergebnisse der Studien zusammen.
 
Prof. Jürgen Margraf, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs), weist darauf hin, „dass das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt wird, wenn sich Gruppen gezielt auf positive Erfahrungen zurückbesinnen. Davon profitieren Gemeinschaften langfristig.“
 
Die Originalstudie finde Sie hier:
Kopietz, R., & Echterhoff, G. (2014). Remembering the 2006 Football World Cup in Germany: Epistemic and social consequences of perceived memory sharedness. Memory Studies, 7, 298-313. doi: 10.1177/1750698014530620
 
Weitere Informationen:
Dr. Rene Kopietz
Fachrichtung Psychologie
Arbeitseinheit Sozialpsychologie
Fliednerstr. 21
48149 Münster
T.:+49 251 83-34383
E-Mail: rene.kopietz@wwu.de